Von Philipp dem Guten bis zum KuKuK

Philipp der Gute
1396 – 1467

Grenze ist hier seit Urzeiten. 1439 eroberte Filip der Gute von Burgund einen Gebietsstreifen aus Aachener Besitz zu dem auch die Gemarkung Köpfchen gehörte. Seitdem ist hier Schnittstelle zwischen den östlichen Niederlanden und Belgien und dem westlichen Deutschland

Verschiedene Sprachen und Kulturen begegnen hier einander.

Die Heere aller möglichen Staaten zogen im Lauf der Jahrhunderte durch, was Not und Elend für die Bevölkerung bedeutete. Rings um dieses Gebäude spielten sich insbesondere nach den beiden Weltkriegen viele Schmuggelgeschichten ab

Und in der Zeit des Nationalsozialismus flüchteten hier viele Menschen, gerade jüdische Mitbürger, um sich in Belgien oder in anderen Ländern in Sicherheit zu bringen

Das Gebäude steht also auf einer Grenze seit Menschengedenken, nur in der Zeit vom Wiener Kongress 1815 bis zum Versailler Vertrag 1919 verlief diese weiter nach Belgien hinein.

Waldrestaurant Köpfchen

„Schenkwirtschaft“ an der Grenze in Köpfchen. Motiv aus Bildpostkarte um 1900.
Sammlung Kurkowski
Das Waldrestaurant Köpfchen. Motiv aus Bildpostkarte von 1911 / Sammlung Kurkowski
September 1939

Die Jahrzehnte nach dem Krieg

Ende der 40er Jahre wird der Grenzübergang „Köpfchen“ zwischen Belgien und Deutschland nach und nach geöffnet. Zu der Zeit hat ein belgisches Wachhäuschen unmittelbar vor der deutschen Grenze gestanden.

Der Grenzübergang Köpfchen. Motiv aus Bildpostkarte von 1950 (?) / Sammlung Kurkowski

Um dem zunehmendem Verkehr Herr zu werden, wird Anfang der 50er Jahre die Straße verbreitert und im Zuge dessen ein Grenzhäuschen vis à vis dem Zollhauptgebäude erbaut.

Mitte der 60er Jahre arbeiten im Zollamt „Köpfchen“ 24 Zollbeamte und zusätzlich 2 Gendarmen im Schichtdienst. Die Grenze bleibt jahrelang scharf bewacht.

Bis zur Eröffnung des Autobahnzollamts Lichtenbusch in den sechziger Jahren war dies der wichtigste Straßenübergang zwischen Belgien und Deutschland und dies sowohl was den Personen- als auch den Güterverkehr anging.

Ende der 80er Jahre sind im Hauptgebäude noch 16 Zollbeamte werktags von 7.00 Uhr bis 23.00 Uhr und am Wochenende von 9.00 bis 17.00 Uhr beschäftigt. Nach 1980 werden die Schranken entfernt. 1992 gibt es vor Ort nur noch 6 Zollagenturen. Vor dem Bau des Autobahnzollamtes Lichtenbusch waren es bei weitem mehr, da alle Güter über „Tülje“ (Kelmis) und „Köpfchen“ (Hauset) verzollt wurden. Noch mehr wissenswertes zur Historie von Köpfchen können Sie auch auf den Seiten der GrenzGeschichte DG unter http://www.grenzgeschichte.eu/grenzgeschichte/koepfchen.html nachlesen.

Das Schengener Abkommen

Nach dem In-Kraft-Treten des Schengener Abkommens 1995, das die Binnengrenzen in der EU öffnet, werden auch an der Zollstation „Köpfchen“ die Grenzkontrollen eingestellt.

Die historischen Grenzverläufe verlieren ihre Bedeutung als nationalstaatliche Barrieren. Übrig bleiben aufgegebene Zollanlagen. Ihr Verschwinden wird politisch gewünscht. Das Grenzhäuschen verfällt zusehends und wird Opfer von Vandalen.

… die Transformation und Aufbau des KuKuK

Januar 2000

Über 40 Jahre lang war die belgische Grenzstation eine Barriere beim Verlassen oder Betreten der beiden Länder. Das Zollhäuschen, jene Hassliebe der Pendler, die früher Kontrollen über sich ergehen lassen mussten und heute beim unbehelligten Passieren der Grenze in nostalgischen Erinnerungen schwelgen, soll abgerissen werden.

Doch sind soziologisch-kulturellen Grenzen nicht so einfach aufzuheben. Die weiterhin existierende Heterogenität ist an diesem besonderen Ort noch deutlich spürbar

Im Januar 2000 erlebt der Pavillon eine Transformation: Im Rahmen der Diplomarbeit „Neue Erscheinungsbilder eines ehemaligen Personenkontrollkiosks – oder ein frisch frisiertes Köpfchen“ von Elke Zimmermann (heute Elke Kohlrautz) findet eine künstlerisch-gestalterische Auseinandersetzung mit dem Ort und seiner Architektur statt.

Aus dieser künstlerischen Arbeit, entstand der Verein „Kunst und Kultur im Köpfchen“, kurz „KuKuK“.

Das Grenzhäuschen geht in den Besitz der Gemeinde Raeren über und wird dem Verein als Vereinssitz verpachtet.

Somit bleibt das Grenzhäuschen erhalten. Abgesehen von der Nutzung für künstlerische und kulturelle Veranstaltungen, bedeutet die Erhaltung des Häuschens auch die Bewahrung eines kulturhistorisches Zeugnisses.

Bereits zweimal in den vergangenen Jahren nutzte der Westdeutsche Rundfunk das ursprüngliche Szenario am Grenzübergang „Köpfchen“ für Dreharbeiten zum Tatortkrimi „Schimanski“ Dies macht deutlich, dass derartige Grenzstationen so gut wie nicht mehr existieren.

Der Umbau des Belgischen Zollhauses:

EuRegionale 2008 und der „Grenzübergang Köpfchen“

Die EuRegionale 2008, die Stadt Aachen und die Gemeinde Raeren haben sich im Juni 2005 darauf verständigt, eine Entwicklung des Standortes „Köpfchen“ anzuschieben, die den Negativtrend (brachliegende Gebäude, Bauzäune, Brachflächen, Verkehr mit überhöhter Geschwindigkeit…) stoppt und die zahlreich vorhandenen Potenziale aufgreift und weiterentwickelt. KuKuK und H. Ruland vom Arbeitskreis Grenzgeschichte DG sind Mitglieder der AG Köpfchen. Dieses Projekt hat eine besondere symbolische Bedeutung hinsichtlich des EuRegionale 08 Mottos „Grenzen überschreiten“, da es wirklich direkt auf der Grenze stattfindet und an diesem Standort, sowohl die ehemalige Grenzsituation, als auch ein zukünftiges Miteinander geplant und gezeigt werden kann. Einen gemeinsam finanzierten Auftrag haben die EuRegionale 08, die Gemeinde Raeren und die Stadt Aachen an das Architekturbüro Coenen aus Luxemburg vergeben. Dabei handelt es sich um eine Machbarkeitsstudie, ein städtebauliches Konzept für die Standortentwicklung „Köpfchen“. Das Nutzungsspektrum soll die Bereiche Kunst und Kultur, Grenzgeschichte, Natur und Naherholung abdecken. Die baulichen Aktivitäten beschränken sich im wesentlichen auf „öffentlichen“ Flächen. Ziel der Entwicklung ist es, Köpfchen zu einem Ort zu machen, an dem man sich gerne trifft und aufhält, den man als Ausgangspunkt für Wanderungen und Erkundungen in der Gegend nutzt.

Aus Sicht der EuRegionale 08 und der AG hat der renomierte niederländische Architekt Jo Coenen ein Konzept erarbeitet, das dem Standort Köpfchen die Chance bietet eine attraktive Adresse zu werden, sowohl für die Grenzbewohner, Besucher und Touristen, als auch für Investoren. Das Thema Grenze und Geschichte wird dabei in der Umnutzung des Ortes, in der baulichen Gestaltung und in Veranstaltungen aufgenommen. Das Projekt Köpfchen ist in das Projekt „Grenzrouten“ (ein übergeordnetes Euregionales Wege- und Routennetz) eingebunden.Auszug aus Studie: Grenzfall Köpfchen

Der Umbau des deutschen Zollhauses

Für das deutsche Zollhaus hat KuKuK e.V. in 2007 ein sinnstiftendes Umnutzungskonzept entwickelt.

Mit Fördermitteln von „Initiative ergreifen“ NRW und der Stadt Aachen wird das historische Gebäude umfangreich saniert.
Darüber hinaus musste der Verein einen 10 % Eigenanteil stemmen. Alleine 1.253 ehrenamtliche Stunden wurden auf dem Bau geleistet. Honorare wurden gespendet und einige Sponsoren konnten gewonnen werden.

Im Sommer 2009 wurde dann die „Grenzstation Köpfchen“ eröffnet.
2010 sind die Umbaumaßnahmen mit der Erstellung der 100 qm Sonnenterasse abgeschlossen. Hier können Geschichtsinteressierte, Natur- und Kunstliebhaber den Sommer mit Blick auf den Westwall genießen.

Deutsches Zollhaus nach dem Umbau

Fluss im KuKuK – das Raumkonzept:

Die Grundidee des Raumkonzeptes entstand aus der Analyse der Bewegungen am Grenzübergang Köpfchen. An diesem Ort ist der ehemalige „Fluss“ wahrzunehmen.
Spuren von Menschen, Maschinen und Gütern, die die Grenze zwischen Deutschland und Belgien überquerten. Einige dieser Flüsse werden durch geschwungenen Lehmwände materialisiert. Um den Anforderungen der neuen Nutzung gerecht zu werden, wurde das Gebäude fast komplett entkernt. Die neuen Räume fließen ineinander und so wird das gesamte Innenvolumen wahrnehmbar. Im KuKuK gibt es jetzt die CaféBar, ein Multifunktionssaal für diverse Kulturveranstaltungen, Büros für KuKuK bzw. Waldpädagogik und Grenzgeschichte. Das Architektenteam bestand aus Daniele Del Grande (Konzept und Entwurf), Jürgen Klinge (Genehmigungs- und Ausführungsplanung), Anne Zachariae (Bauleitung) und Lichtplanung LUZIFER, Stefan Maurer.

KuKuKs Vorhaben ist eine Einladung zum „Station machen“, zum Aufenthalt an der Grenze. Die beiden Grenzhäuser sind erstarrte Relikte des ehemaligen Europa.

Der Ort, dessen Bestimmung es war, Menschen voneinander zu trennen, wird zu einer Grenzstation, an der man sich gerne trifft und aufhält. Als Geste des neuen Europa werden beide Zollhäuser in der interdisziplinären Umnutzung ein grenzüberschreitendes Miteinander verstärken – mit Respekt für die Vergangenheit und Offenheit für die Zukunft. Es ist die Entscheidung, hier vor Ort Europa in der Region zu verwirklichen!

2011 – heute

Zur Überbrückung der Grenze und zur städtebaulichen Eingliederung wurde dann eine Art „roter Teppich“ oder Steg geschaffen, der das belgische Zollhaus mit dem deutschen verbindet. Durch eine spezielle Aufgliederung der Wege für Fußgänger und Radfahrer wird die gesamte Anlage übersichtlicher und vor allen Dingen auch sicherer für die Benutzer. Während der Dunkelheit werden beide Grenzgebäude und der Verbindungssteg mit Licht farbig in Szene gesetzt. Zu besonderen Veranstaltungen wird der Steg in auffälliger Art genutzt, wie zum Beispiel mit dem grenzüberschreitenden Picknick, bei dem ein ca. 100m langer Tisch die Gäste aufnehmen konnte.

Diverse Veranstaltungen, Ausstellungen, Konzerte und Märkte finden regelmäßig in den und um den Grenzhäuschen statt und zeigen den besonderen, einzigartigen Charme des Ortes.

Wesentliche Bestandteile der Nutzung des KuKuK-Areals sind:

  • Café/Bar
  • Lebendige Präsentation eines zeitgeschichtlichen Ortes
  • Grenzüberschreitende Kulturstätte
  • Raum für Kunst
  • touristischer Ausflugsort
  • Basisstation für geschichtliche und naturräumliche Erkundungen
  • außerschulischer Ort des Lernens

Lust auf Mitgliedschaft?

Bitte Aufnahmeformular für eine KuKuK Mitgliedschaft als PDF-Datei zum Ausdrucken herunterladen (PDF-Datei ca. 42 KB)